AI: Cui bono?

(Teil 2 von "Großer Gleichmacher oder Feudalismus 2.0?")

Was bisher geschah: Die Verbilligung des Denkens (Zusammenfassung von Teil 1)

In Teil 1 dieses Artikelshaben wir festgestellt, dass der aktuelle KI-Boom weit mehr ist als ein kurzlebiger Hype – es ist eine tektonische Verschiebung unserer Arbeits- und Gesellschaftswelt, in der reines Handwerk und fehlerfreie Umsetzung zunehmend zur Selbstverständlichkeit werden.

Vor allem aber haben wir die aktuelle Entwicklung in den historischen Kontext der letzten vierzig Jahre gesetzt. Nach dem Personal Computer (der die Berechnung verbilligte) und dem Internet (das die Distribution verbilligte), durchbrechen wir mit der generativen KI nun den Flaschenhals der Kognition. Die Maschine hat unsere Sprache gelernt und übernimmt die Erstellung von Inhalten und die Lösung logischer Probleme fast zum Nulltarif.

Das ist natürlich nicht der letzte große Flaschenhals der Menschheit – der eigentliche Endgegner wird die Verknüpfung dieser kognitiven Modelle mit der Robotik sein, also der Sprung in die physische Welt (schließlich brauchen auch digitale Systeme handfeste Hardware, Rechenzentren und Rohstoffe, um überhaupt zu existieren).

Doch wenn die Maschine im digitalen Raum schon heute für uns denkt und arbeitet – wem gehört dann die Zukunft? Genau hier setzen wir an.

„Access for All“ oder die Wiederkehr der Feudalherren?

Aus diesem Siegeszug der kognitiven Automatisierung wird oft hastig abgeleitet, KI würde die Welt demokratisieren. Doch diese Erzählung vom "Access for All" ist eine gefährliche Halbwahrheit.

Es gibt zwar eine unbestreitbare Demokratisierung der Nutzung. Dass ein Jugendlicher in einem Entwicklungsland heute völlig kostenlos auf ein KI-Modell zugreifen kann, für dessen Leistung das US-Militär vor einem Jahrzehnt noch Milliarden bezahlt hätte, ist phänomenal.

Das frühe Internet basierte auf offenen Protokollen wie HTTP oder SMTP. Es war dezentral, die Eintrittsbarrieren waren niedrig. Die KI-Infrastruktur hingegen ist das genaue Gegenteil. Um ein Frontier-Modell an der Weltspitze zu trainieren, benötigt man heute gigantische Rechenzentren, Milliarden an Risikokapital, Zehntausende Grafikprozessoren und Unmengen an Energie. Das ist ein Spiel, bei dem weltweit vielleicht noch fünf bis zehn Konzerne am Tisch sitzen.

Die Schaufelverkäufer – die Hardware-Hersteller, Cloud-Anbieter und KI-Monopolisten – machen sich buchstäblich die Taschen voll, während der Rest der Welt in absoluter Abhängigkeit von ihren Modellen agiert. Die Werkzeuge werden massentauglich verteilt, aber die enormen Profite kommen nicht bei der breiten Masse an, sondern fließen zu 99,9 Prozent direkt zurück in die Kassen der neuen digitalen Machthaber – ein Phänomen, das der Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis in seinen jüngsten Schriften eine gute Beschreibung fand: Technofeudalismus.

Verschärft wird diese Machtkonzentration dadurch, dass einige der ganz Großen gleich an allen Fronten mitspielen. Google verdient beispielsweise an unzähligen Töpfen gleichzeitig: Sie besitzen eigene KI-Modelle, das dominierende Mobile-Betriebssystem, den App-Store, die Suchmaschine und die Cloud-Plattform. Auch Amazon baut seine Macht aus; selbst wenn sie im reinen KI-Wettlauf vielleicht eher strategisch zukaufen, dominieren sie über AWS die Infrastruktur, auf der die Welt rechnet.

Damit die Masse diese drastische Umverteilung von Macht und Kapital klaglos hinnimmt, greift ein uraltes Prinzip: Brot und Spiele (Panem et circenses). Was im antiken Rom die Gladiatorenkämpfe waren, ist heute der hyperpersonalisierte Content-Stream. Solange die KI uns mit maßgeschneiderten Dopamin-Kicks in den sozialen Medien bei Laune hält, die Lieferkette am nächsten Tag das Paket vor die Tür legt und uns die Illusion der digitalen Leistungsgesellschaft ("Jeder ist seines Glückes Schmied") suggeriert wird, bleibt der Leidensdruck für systemische Kritik viel zu gering.

Der „Human Premium“: Was bleibt, wenn alles simuliert werden kann?

Wohin führt uns das alles? Wenn die fehlerfreie Analyse, der perfekte Code und die smarte Strategie zu kostenlosen Massengütern werden, steuern wir auf eine sogenannte Hantel-Ökonomie zu – ein Phänomen, das Ökonomen wie David Autor mit der Polarisierung des Arbeitsmarktes und dem Wegbrechen der klassischen Mitte beschreiben. Auf der einen Seite finden wir hochgradig automatisierte, extrem günstige und qualitativ konstante Standard-Dienstleistungen. Auf der anderen Seite entsteht der "Human Premium".

Nehmen wir das Beispiel eines echten Spitzenkochs. In der Küche der Zukunft wird der Koch die "niederen" Arbeiten längst an Robotik und KI ausgelagert haben. Das stundenlange Zwiebelschneiden, das präzise Sous-vide-Garen, das Inventarmanagement – all das erledigt das System. Der Mensch rückt in die Rolle des Kreativdirektors. Warum? Weil in einer Welt, in der alles Perfekte, Makellose und Skalierbare von Maschinen erledigt wird, die menschliche Unvollkommenheit, die Anstrengung und die Authentizität zum neuen ultimativen Statussymbol werden. Wir bezahlen den Spitzenkoch nicht nur für die Kalorien auf dem Teller, sondern für seine Geschichte, sein Handwerk und das Wissen, dass ein fühlendes Wesen Leidenschaft investiert hat.

Dieses Prinzip gilt auch abseits der Gastronomie. Bei der Implementierung von VoiceBots für den Kundenservice sehe ich täglich, wie weit die Technologie ist. Die KI versteht Kontexte, reagiert blitzschnell und ist unendlich geduldig. Doch wenn einmal eine schnelle Änderung umgesetzt werden soll oder etwas außerhalb der Reihe umgesetzt werden soll, will niemand am Telefon eine perfekt kalibrierte, synthetische Stimme hören, die mit künstlicher Empathie deeskaliert.

In echten Krisen suchen wir den Menschen, weil eine Maschine keine Verantwortung übernehmen kann. Eine KI empfindet keine Scham, wenn sie versagt. Sie hat keinen Ruf zu verlieren. Sie schläft nicht schlecht, wenn der Kunde unzufrieden ist. Die unersetzliche menschliche Nische der Zukunft besteht nicht mehr in der reinen kognitiven Leistung, sondern im „Skin in the Game“ (wie es der Philosoph und Risikoexperte Nassim Nicholas Taleb formuliert hat). Es ist das emotionale Bindemittel und die Haftbarkeit, teilweise die bloße menschliche Präsenz, die echtes Vertrauen schaffen.

Wir müssen uns gesellschaftlich darauf einstellen, dass das reine Abspulen von Wissen bald wertlos ist. Die neuen Leitwährungen heißen Intentionalität, Geschmack, Widerstandsfähigkeit und Empathie. Die entscheidende Frage wird nicht mehr sein, wie die Lösung berechnen – sondern warum wir sie überhaupt suchen...

42, if you know what I mean. Wie war die Frage nochmal?

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